Hallo Mikrokosmonauten: Saarbrücken verzeiht dir alles – außer Pose.

Ich bin zurück. Nicht da, wo man ankommt, wenn man seine Ziele erreicht hat, sondern da, wo man landet, wenn alles zu viel war. Saarbrücken, du Auffanglager meines Mikrokosmos. Kein Ort für Glanz und Gloria – aber einer, der mich gerade noch trägt. Hier sitze ich. Zerzaust, übernächtigt, emotional ramponiert. Ein bisschen wie eine ausgemusterte Diva in der Bahnhofshalle der eigenen Entscheidungen. Ich esse zu wenig, schlafe kaum, analysiere zu viel. Die Liebe hat mich vergiftet, mein Herz macht Dauerbereitschaft, mein Hirn spielt Desaster-Sudoku. Und trotzdem – oder gerade deshalb – spüre ich:

Ich bin noch da. Und ich bin wach.

Man nennt es Rückschritt. Ich nenne es Sichtung.

Ich meine, was hatte ich erwartet? Erleuchtung auf dem St. Johanner Markt? Saarbrücken ist kein Ort für filmreife Wandlungen. Hier gibt’s maximal einen neuen Haarschnitt, den man später bereut, eine fragwürdige WhatsApp von jemandem, den man besser hätte blockieren sollen, und die Erkenntnis, dass man trotz innerem Zusammenbruch irgendwie immer noch zur „Happy Hour“ auftaucht. Wenn das kein Überlebensinstinkt ist, weiß ich auch nicht.

Der Rauch hat sich nicht gelichtet, aber ich stehe mittendrin. Und vielleicht ist das hier gar kein Rückfall, sondern das erste ehrliche Kapitel nach all dem Hochglanz-Unsinn , der sich „Erfüllung“ nennt. Vielleicht bin ich gar nicht abgestürzt, sondern einfach nur gelandet. In mir.

Altstadt. Absturz. Atemzug.

Saarbrücken im Sommer ist kein Postkartenidyll. Es ist kein „Dolce vita“ – eher „Déjà-vu im Dreck“. Der Asphalt klebt, die Luft ist durchzogen von Grillfleisch, Shisha und den nicht ganz ausgeräumten Ambitionen ihrer Bewohner. Aber irgendwo dazwischen, zwischen Nauwieser Viertel und Ludwigskirche, passiert manchmal etwas. Und so streife ich, jetzt im Sommer, durch die Nacht wie eine, die kurz davor ist, sich selbst wieder zu gefallen. Begehrenswert, ja – aber nicht verfügbar. Entrückt, aber nicht abwesend. Mein Kleid klebt an den falschen Stellen, mein Lippenstift ist verrutscht, aber ich trage mich wie eine Frau, die sich selbst hält, auch wenn kein Arm da ist. Ein junger Mann bietet mir eine Zigarette an (obwohl ich nicht rauche), ein anderer seine Meinung über meine Aura. Ich lächle höflich, aber ich bin woanders. Nicht arrogant, nur nicht mehr auf der Suche. Der Sommer in Saarbrücken ist laut, kleinteilig, unkoordiniert. Er macht keine Versprechen, er wirft dir ein Gefühl hin und sagt: „Mach was draus.“. Und ich? Ich nehme das. Alles. Den Wein, den Blick am St. Johanner Markt, das Gespräch um halb drei über eine Zukunft, die niemand wirklich will. Ich nehme es, weil es echt ist. Weil es klebt und kratzt und flimmert – wie ich. Und dann frage ich mich immer wieder: Gibt es hier eigentlich ein ungeschriebenes Gesetz, dass in jeder Bar mindestens ein Mann sitzt, der aussieht, wie eine schlecht gelaunter Tatort-Kommissar? Und hat jemals jemand freiwillig den Bahnhof von innen fotografiert – ohne Filter?

Saarbrücken – Lieber unentschlossen als überbewertet?

Vielleicht bin ich gerade nicht schön im klassischen Sinne. Aber ich bin da. Und das reicht. Saarbrücken verlangt keine Perfektion. Nur Präsenz.

Und sprechen wir mal bitte über die Männerblicke auf dem ein oder anderen Fest, in diesem Sommer, in unserer Landeshauptstadt? Sie sind manchmal billig, manchmal direkt, zuweilen mit wenig Nachhall – aber manchmal trifft einer doch. Einer, der nicht gleich Besitz will, sondern kurz innehält. Einer, der nicht fragt, was ich hier alleine mache, sondern kurz so schaut, als hätte er mich schon mal gesehen – nicht auf Tinder, sondern in einem früheren Leben. Ich gehe weiter. Immer weiter. Nicht, weil ich flüchte. Sondern weil ich weiß: Kein Blick in jenen Nächten wird mich retten. Und keiner braucht das auch. Denn ich bin nicht gekommen, um gefischt zu werden. Ich bin hier, um zu beobachten. Zu fühlen. Und mich selbst wieder in dieser weinseligen Kulisse zu verorten, in der alles ein bisschen zu laut ist, aber ich endlich wieder leise ganz bei mir.

Und dann frage ich mich, was jetzt eigentlich richtig ist?! Inmitten meines grenzenlosen Egoismus, meinem Freiheitsdrang, meinem Drama nach Echtheit preschen immer wieder diese Fragen nach vorn: Ist Liebe das, was trägt – oder das was brennt? Ist Vernunft Stärke – oder nur das elegante Tarnen von Feigheit? Ich weiß es nicht.

Aber vielleicht muss man nicht immer wählen. Vielleicht darf man manchmal einfach stehen bleiben, mitten in diesem Vakuum zwischen Loyalität und Selbstverwirklichung, und anerkennen: Beides tut weh. Beides ist wahr. Und ich bin noch nicht fertig mit dieser Antwort.

Saarbrücken. Wein. Weiter.

Mehr braucht es manchmal nicht, um sich zu halten. Die Stadt, die mich nicht fragt, was ich erreichen will, geschweige denn, wie es jetzt weitergeht. Sondern, ob ich noch durchhalte. Der Wein, der nicht tröstet, aber lockert. Und das „Weiter“, das keine Richtung vorgibt, sondern nur sagt: Stopp ist keine Option. Es ist kein Neuanfang. Kein Ende. Es ist dieses taumelnde Dazwischen, in dem man wieder atmen lernt. Und irgendwo da drin – leise, aber sicher bist auch du, R.. Vielleicht reicht das für jetzt. Und vielleicht ist genau das schon eine Antwort.

Fazit: Saarbrücken ist keine Bühne für Heldentaten. Es ist der Backstage-Raum nach dem großen Auftritt, der Aschenbecher nach dem letzten Drink, die Haltestelle zwischen Selbstverlust und Selbsterkenntnis. Und während andere vielleicht Ibiza buchen, um sich selbst zu finden, stolpere ich hier mit verlaufenem Kajal und brennendem Herz durch Altstadtpflaster, Dönerduft und Schicksalsreste. Ich wollte alles – und bekam: mich. Nicht glamourös, nicht fertig, aber echt. Rückschritt mit Aussicht eben. Und genau darin liegt der Trost: Dass man nachts allein nach Hause laufen kann, leicht betrunken, leicht entrückt, und sich dabei nicht verloren fühlt, sondern endlich wieder bei sich angekommen.

Wie ist euer Sommer bis jetzt? Was klebt, was flimmert, was heilt? Schreibt mir. Ich lese mit verlaufenem Kajal, aber offenen Augen.

melanie.hartmann@live-magazin.de

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